Kulturschock Deutschland?
Seit über einem Monat bin ich nun schon in Deutschland. Habe mich eingelebt und mich an die Vorzüge eines „Luxuslebens“ gewöhnt.
Doch noch steht ein Bericht aus. Der von meinem Abschied und zugleich meiner Heimkehr!
Mein Flug ging am 11. Juni 2009. Und das nicht, weil etwas passiert war, sondern weil ich meine Familie und Freunde überraschen wollte. Aber dazu später mehr…
Am Sonntag vor meinem Abflug bin ich das letzt mal zu meiner Gastfamilie nach Cambugán gefahren. Auch wenn Ecuadorianer nicht wirklich viel planen war dieser Sonntag schon seit Monaten geplant gewesen. Denn an diesem Tag sollte mein Abschied gefeiert und dafür unser armes Schwein geschlachtet werden. Ja, ein bisschen tat mir das arme Ding ja schon leid, aber ich fand es auch einfach schön zu wissen, dass ich ihnen doch so „viel“ bedeute.
So fuhr ich also Sonntagmorgen um 9 Uhr mit dem Bus bis zum „Veinticinco“ und lief die restlichen 45 Minuten zu meinem Haus. Als ich ankam war das Schwein „leider“ schon tot, kleingeschnitten und die Männer, die dort waren gut angetrunken.
Aber sie haben sich alle wirklich gefreut, als ich endlich da war und mit wurden auch gleich ein paar Becherchen Bier angeboten.
Den Tag verbrachten wir damit, Würstchen zu machen. Das heißt, man stopft gekochten Kohl,
Reis, Erbsen, Karotten und klein geschnippelte Innereien in den Darm und kocht das ganze eine Weile. Dann hat man typische, selbst gemachte, ecuadorianische Würstchen
. Die isst man dann entweder in der Suppe oder mit geröstetem Mais oder so was. Schmeckt auch sogar gar nicht soo schlecht! Nebenher gabs natürlich konstant Bier und so ging die Zeit auch vorbei. Als Abschiedsgeschenk hatte ich noch ein kleines Fotoalbum dabei, das ich ihnen da ließ.
So langsam wurde es Abend und eigentlich wollte ich noch zurück nach Otavalo. Glücklicherweise erklärten sich Pablo und Stephi bereit, mich mit Pablos Auto abzuholen. Und so hieß es für mich Abschied nehmen. Ich wollte zwar am Dienstag nochmal nach Cambugán kommen, aber nur in die Schule und ich wusste nicht, wen ich noch sehen würde. Und als ich so die letzen Sachen aus meinem Zimmer holte und meine Bilder
von der Wand nahm, kullerten mir die ersten Tränen über die Backe. Meiner Gastmama Mariana hatte ich noch ein extra Geschenk mitgebracht. Ein Paar schöne Ohrringe. Und als ich ihr die übergab, kullerte auch bei ihr eine Träne über die Wange. Mein betrunkener Gastvater meinte immer nur: „Aber wir haben dich doch immer gut behandelt. Wie unsere Tochter! Und jetzt gehst du…“ Mariana sagte nur: „Wir haben uns doch schon so an dich gewöhnt, wir werden dich vermissen!“
Sie gab mir noch ein Tuch von ihr, das für die traditionelle Tracht als Rock benutzt wird. „Wir können dir nicht viel mitgeben, aber ich hoffe du freust dich trotzdem.“, oder so ähnlich. Dafür kam es von tiefstem Herzen, und das wusste ich.
Dann kamen auch schon Stephi und Pablo und es war endgültig Zeit. Ich umarmte alle noch ein letztes mal, wischte mir die Tränen aus dem Gesicht und stieg ins Auto. Sie winkten mir alle noch hinterher und dann waren sie in der Dunkelheit verschwunden.
Am Dienstag, zwei Tage vor meinem Abflug, fuhr ich das allerletzte mal nach Cambugán in die Schule. Als ich um 10 Uhr dort ankam, dachten die Kinder glaub ich schon, ich würde nicht mehr kommen
. Auch die meisten Eltern waren da, weil an dem Tag noch eine „Besprechung“ stattfinden sollte. Ich hörte mir das alles mit an und am Ende
meinte meine Direktorin Ximena nur: „Heute ist der Tag, an dem Annika das letze mal hier sein wird, da am Donnerstag ihr Flugzeug nach Deutschland abhebt. Wir möchten und an dieser Stelle ganz herzlich bei ihr für ihren Einsatz bedanken. Durch sie haben die Kinder eine Menge nützlicher Dinge gelernt, und haben um einiges bessere Chancen ins Collegio zu gehen. Ich hoffe, sie vergisst uns nicht, und besucht uns bald wieder!“ Ja, damit hatte ich gar nicht gerechnet. Aber dann musste ich mich auch noch bedanken: „Danke an euch dafür, dass ihr mich in eure Gemeinde aufgenommen habt und mich als ein Mitglied eurer Gemeinschaft behandelt habt. Es war eine unvergessliche Erfahrung und ich hoffen, eines Tages wiederkommen zu können!“ Da musste ich meine Tränen dann aber schon schwer unterdrücken! Anschließend haben mir die meisten von den Eltern noch Tschüss gesagt und dann
war es auch schon fast Zeit zu gehen. Als es klingelte, und die Kinder nach Hause gingen, versuchte ich, möglichst allen noch „Tschüss“ sagen zu können. Und von da an, konnte ich meine Tränen wirklich nichtmehr zurück halten. Zwei von meinen 7. Klässler Mädels gaben mir sogar noch ein kleines Geschenk und als ich eine andere zum Abschied umarmte, musste auch sie weinen. Das hat mich wirklich berührt. Ich glaube, die meisten Kinder haben noch gar nicht verstanden, warum ich überhaupt so traurig war. Eine aus der ersten Klasse fragte mich, warum ich weine. Und da konnte ich nur sagen, weil ich nicht gehen will. Und sie sagte total verständnislos: „Aber warum bleibst du dann nicht?“ Und da wusste ich auch nicht wirklich was drauf zu antworten. „Weil ich eben gehen muss…“ Ja. Und dann kam auch schon die Camioneta, die uns nach Otavalo bringen sollte. Noch eine allerletzte Umarmung. Und dann wollte ich eigentlich noch meinem „Lieblingskind“ Santiago Tschüss sagen, aber er weigerte sich strikt. Ich
glaube wirklich, dass es ihm selber näher ging, als er zugeben wollte und es eben seine Art war, damit umzugehen, indem er mir einfach gar nicht richtig Tschüss sagte. Schade, aber in Ordnung.
Als die Camioneta losfuhr, war mein Kopf einfach leer und ich sah den vorbeifliegenden Bäumen und Kindern nach. Als es nach einer dreiviertel Stunde Zeit wurde, mich auch von meinen Lehrern zu verabschieden, hatte sogar meine Direktorin leicht feuchte Augen. Das war wirklich schön, weil ich bis jetzt immer ein bisschen den Eindruck hatte, dass sie mich nicht sooo arg mag. Aber anscheinend doch…
Mittwoch. Mein letzter Tag in Otavalo, mein letzter Tag in Ecuador! Es fühlte sich alles ziemlich unwirklich an. Eigentlich alles wie immer, nur war es nicht wie immer. Es lag eine leichte Abschiedsstimmung in der Luft.
Den ganzen Morgen saß ich mit Stephi in unserer Oficina und arbeitete an unserer Abschlusszeitung. Denn es sollte wenigstens ein Exemplar rechtzeitig für mich fertig werden. Nebenher musste ich noch meinen Koffer packen und alle meine Sachen aus der Wohnung zusammensuchen. Das ist gar nicht so einfach in einer 16-Mann-WG und natürlich hab ich auch das eine oder andere Teil vergessen…
Nachmittags bin ich ein letztes Mal mit Stephi zu unserer Lieblingspapasfrau gegangen. Dort gibt es die besten Pommes in ganz Otavalo für nur 70 Centavos! Ja, die sind echt lecker. Und dann war es auch schon Zeit, sich fertig zu machen und zu unserer Lieblingstienda zu gehen. Vor dem Laden dort stehen immer die ganzen Jungs, die wir mittlerweile durch unsere Ausflüge kennengelernt haben, und heute kam Ecuador – Argentinien! Dafür hatte ich mit Stephi sogar einen extra Fussballkuchen gebacken. Bis zur Halbzeit stand es noch 0:0, aber dann gabs ein TOR für… ECUADOR!!! Und kurz vor Schluss sogar noch eins! 2:0 für ECUADOR!!! OLEEE!!!
Ja, ich muss zugeben, wir haben uns schon gefreut, auch wenn wir nicht so die mega Fussballfans sind.
Der letzte Abend war mehr oder weniger komisch. Das lag aber wohl auch an meiner Stimmung. Ich war die ganze Zeit nur damit beschäftigt, nicht nachzudenken um nicht pausenlos zu heulen. Warum musste das Jahr denn auch schon vorbei sein? Konnte nicht einfach alles so weiterlaufen wie bisher? Wir waren doch alle so glücklich hier… Der Abend hat dann doch mal wieder bei der Tienda von Pancho geendet, wo Stephi und ich uns zum Abschluss noch einen leckeren Pfirsichwein für 1 Dollar gönnten. Das war ganz gut zur Ablenkung und Mula und Pancho haben sich auch wirklich rührend um mich gekümmert und geschaut, dass ich nicht zu viel geweint habe
. Und dann war auch der letzte Abend in meinem geliebten Otavalo zu Ende…
Donnerstag, 11. Juni
Abflugtag! Unglaublich… Eigentlich lebt man das ganze Jahr auf diesen Tag hin, und auf einmal ist er da. Morgens wollte sich noch meine Gastmutter mit mir in Otavalo treffen. Aber als sie da war, war ich nicht da und als ich da war, war sie nichtmehr da. Ja, das ist Ecuador. Auch wenn es mich in diesem Moment wirklich genervt hat und ich es total schade fand…
Stephi, Anneke, Sarah, Pablo und ich sind dann noch ein allerletztes Mal zusammen frühstücken gegangen. Die anderen hatten leider keine Zeit weil sie alle arbeiten mussten. Zum Frühstück gabs gleichmal leckere Spaghetti, dazu eine kühle Cola und das alles mit Blick auf den Markt von Otavalo. Ach, ich werde alles einfach so vermissen…
Um 12.30 ging es dann auch wirklich los. Mit dem Taxi sind Stephi, Sarah1, Sarah2, Anneke, ich, mein Koffer und mein Riesenrucksack zur Bushaltestelle gefahren. Eine letzte Umarmung für die zwei Sarahs, ein kleines Tränchen und rein in den Bus nach Quito. Auf dem Weg haben wir noch Maike eingesammelt und so sind wir zu viert zum Flughafen gefahren.
In Quito angekommen hat sich das Wetter Ecuadors nochmal von seiner besten Seite gezeigt und es hat natürlich in Strömen geregnet. Gerade in dem Moment, als wir auf ein Taxi gewartet haben…
Am Flughafen angekommen ging erstmal der Stress los. Meine Flugnummer stand nicht auf der Anzeigetafel, der Mann an der Info meinte nur: „Your flight is tomorrow!!!“ (So ein Quatsch) und die von der Fluggesellschaft hatten auch keine Ahnung. Naja, irgendwann hab ich dann rausgefunden, dass mein Flug doch ging, nur mit einer anderen Flugnummer.
Dann hieß es erstmal wieder warten. Meine Gastschwester Griselda wollte noch vorbeikommen, um mich zu verabschieden. Sie meinte am Telefon auch, sie sei schon auf dem Weg. Und als wir da so standen und warteten, kam Alex mit seinen Eltern vorbei. Die hatten zufälligerweise den gleichen Flug wie ich nach Madrid! Wow, ich musste nicht alleine fliegen! Es gibt doch noch Engel
. Gut, für Ablenkung während dem „auf-den-Flug-warten“ war gesorgt, fehlte nur noch Griselda. Langsam wurde es nämlich auch Zeit einzuchecken und dafür muss man am Quitoer Flughafen schon durch eine „Reisepasskontrolle“. Heißt, es kann niemand anders mit rein. Griselda sagte am Telefon nur: „Ich bin gleich da. Nur noch ein Block… und ein bisschen mehr… In 10 Minuten bin ich da!“ Natürlich… So gut kenne ich die Ecuatorianer mittlerweile auch, und weiß dass 10 Minuten keine 10 Minuten sind. In der Zwischenzeit bekam ich von Stephi und Anneke noch ein paar kleine Abschiedsgeschenke. Och nein Leute, ich muss schon wieder weinen… Einen superschönen Kalender und einen Brief.
Und dann war es Zeit, mich endgültig von meinen Lieblingsmitfreiwilligen, besten Freundinnen und adoptierten
Schwestern zu verabschieden. Wir haben uns in dem Jahr so gut kennengelernt, sind zusammen durch Dick und Dünn gegangen und haben so manche Hochs und Tiefs gemeistert. Maike, Anneke und natürlich Stephi, an dieser Stelle nochmal ein gaaanz riesen PAY an euch drei, dass ihr immer für mich da wart, ich so viele schöne Dinge mit euch erleben durfte und vor allem, dass ihr mich zum Flughafen gebracht habt. Ich werde euch immer ganz Tief in meinem Herzen tragen und eines Tages werden wir uns hoffentlich alle in Otavalo wiedersehen…
Griselda war leider immer noch nicht da, und so musste ich leider los, ohne mich von ihr verabschieden zu können. In diesem Moment hab ich mich doch etwas über die Unpünktlichkeit der Ecuadorianer geärgert, denn das Flugzeug wartet leider nicht. Auch wenn es das an diesem Tag wohl auch getan hätte, aber das wusste ich ja noch nicht.
Schweren Herzens ging ich durch die Schiebetür und war mit einem Mal ganz alleine. Ohne nachzudenken stellte ich mich am Check In Schalter an und gab meine Koffer ab. So, und dann hieß es warten. Leider um einiges länger als ich erwartet hätte. In der Wartehalle traf ich zum Glück Alex‘ Eltern wieder, so dass ich nicht ganz alleine mit meinen Gedanken war. Der Flug ging leider nicht wie geplant um 17.40 Uhr, sondern erst um 19.00 Uhr. Mist! Ob ich dann noch meinen Anschlussflug in Madrid bekomme??? Dann wurde ich aufgerufen. Na toll. Ich musste mit ein paar anderen runter zu unseren Koffern und den von ein paar unfreundlichen Sicherheitsbeamten durchsuchen lassen. Der Zufall hatte mich ausgewählt und zufälligerweise hatte ich natürlich auch nichts schlimmes in meinem Riesenrucksack. Also alles wieder reingestopft, Rucksack zu und wieder hoch in die Wartehalle. Aber nicht ohne vorher NOCHMAL durch die Security zu laufen. Mir hätte ja während her wer eine Bombe zustecken können… ![]()
Als ich wieder oben war, hieß es, das Flugzeug können nicht in Quito landen, wir würden jetzt alle erstmal nach Guayaquil geflogen werden und von dort aus nach Madrid. Um 21.00 Uhr, mit bereits 3 Stunden Verspätung flogen wir endlich nach Guayaquil. Dort sollte der Flieger um 23.00 Uhr nach Madrid starten. Meinen Anschlussflug nach München würde ich eh nichtmehr bekommen. Auch egal. Ich war einfach soo müde und wollte nur noch schlafen. Um 22.45 Uhr saß ich endlich im Flieger und während ich auf den Start wartete, schlief ich ein. Als ich eine Stunde später aufwachte, standen wir immer noch am Flughafen in Guayaquil. Was war denn heute los??? Würden wird denn nie mehr starten??? Später bekam ich mit, dass ein Vulkan an der Grenze zu Kolumbien ausgebrochen war, und die Flugroute neu berechnet werden musste. Deshalb standen wir dort so ewig und konnten erst um 0.00 Uhr mit fast 6 ½ Stunden Verspätung starten! Was für ein Tag!!!
Der Flug nach Madrid war ganz OK. Meine einzige Sorge war nur, dass ich meiner Schwester Verena ja noch Bescheid sagen musste. Sonst würde die in einer Stunde am Münchner Flughafen auf mich warten. Warum nur meine Schwester und nicht meine Eltern? Ja, jetzt wird es mal Zeit, die ganze Verwirrung um meine Ankunft zu erklären.
Als ich im Dezember meinen Flug umbuchte, entschloss ich mich es bei einer Überraschung zu belassen. Und so sagte ich einfach meinen Eltern, ich käme am 19. Juni an, also genau eine Woche später. Und damit sich nicht irgendwer verplappern konnte, sagte ich einfach ALLEN ich käme am 19. Juni. Von meiner richtigen Ankunft wussten nur 3 Leute, und ich danke diesen dreien für ihre Verschwiegenheit
. Es hätte auch wirklich alles ohne Probleme funktioniert, wenn meine Eltern nicht ihre Nase dauernd in alles reinstecken müssten und nicht beim Reisebüro angerufen hätten. Die haben natürlich nur gemeint: „Ihr Kind kommt nicht am 19. sondern am 12. Juni!“ So, dann war erstmal das Chaos perfekt und die Überraschung im Eimer. Doch der nette Herr von dem Reisebüro hat freundlicherweise nochmal bei meinen Eltern angerufen, um ihnen mitzuteilen, dass ich doch am 19. erst käme. Danke an dieser Stelle an den netten Herrn vom Reisebüro für ihre Hilfe!
Ab da glaubten sie mir dann wieder. Und das leider viel zu gut, denn sie beschlossen an dem Wochenende meiner wirklichen Ankunft in den Urlaub zu fahren. Überraschung Ade… Doch dank Verenas Organisationstalent hatte sie es geschafft Mama und Papa nach Salzburg zu locken und ein Treffen für Samstag eingefädelt. Natürlich nur die drei unter sich. Sie konnten ja nicht ahnen, dass ich auch dabei sein würde…
Das ist also die Geschichte zu meiner Ankunft. Ich hatte nur so Angst, dass nichts klappten würde, da wir ja doch ziemlich viel Verspätung hatten. Aber in Madrid angekommen bekam ich in Null-Komma-Nix ein neues Flugticket und würde um 22.10 Uhr statt um 18.55 Uhr in München landen. Als ich Verena anrief, hatte die natürlich schon mit allen Fluggesellschaften telefoniert und wusste schon Bescheid.
Nach einer gemütlichen Tasse Kaffe mit Alex‘ Eltern machte ich mich auf den Weg zum Gate. In Gedanken immernoch in Ecuador bekam ich meinen ersten Kulturschock. Dort saß ich also in meiner rot-gestreiften Chillhose vom Markt und überall wo man hinschaute sah man nur Deutsche, dazu noch lauter blonde Kinder und als hinter mir einer lautstark fragte: „Hosch doin Geldboidl drbai???“, war es endgültig vorbei. Ich fühlte mich so alleine und wollte einfach nur zurück nach Ecuador!
Um 19.45 Uhr madridäischer Zeit
hob der Flieger ab und mit lief schon wieder eine kleine Träne über die Wange. Denn jeder Start und jede Landung brachten mich weiter weg von meinem neuen alten Zuhause. Außerdem war ich total verwirrt, da es noch so hell war. Ich wusste ja, dass es hier länger hell ist als ich Ecuador, aber dass die Sonne wirklich erst um 21.30 Uhr untergeht war mir neu. Für mich fühlte es sich die ganze Zeit an, wie 11 Uhr morgens…
Und dann landeten wir in München. Um 22.10 Uhr münchneranischer Zeit, 15.10 Uhr otavalonischer Zeit. Glücklicherweise kamen nach dem ganzen Trubel mit mir auch meine beiden Koffer an und ich konnte nach 24 Stunden Flughafenluft endlich raus in die Freiheit. Dort wartete auch schon Verena mit zwei Luftballons auf mich. Ja, das war genau die Begrüßung, die ich mir gewünscht hatte. Ganz ruhig, ohne viel Trubel. Auch wenn mich eine Woche später bestimmt 10 Leute mehr vom Flughafen abgeholt hätten…
Samstag, 13. Juni
Erster Tag in Deutschland nach 10 Monaten Ecuador. Tag der Überraschungen!
Die Nacht verbrachten wir in Verenas Wohnung in München. Auch wenn ich gerne länger geschlafen hätte, mussten wir um 6.15 Uhr schon los nach Salzburg. Geplant war eigentlich, dass Verena um 10 Uhr vor der österreichischen Grenze von Mama und Papa abgeholt wird. Aber wir wollten das ganze noch etwas lustiger machen, und die beiden im Hotel überraschen.
Ihr könnt euch gar nicht vorstellen, wie sehr mein Herz klopfte, als wir um 8.30 Uhr am Hotel ankamen. Was, wenn sie schon beim Frühstück sind? Was, wenn wir sie im Gang treffen oder sie uns schon am Parkplatz sehen? Aber alles lief wie geplant. Der Hotelbesitzer wusste schon Bescheid und so setzten wir uns einfach in den Wintergarten an den Frühstückstisch und warteten. Eine gute Viertelstunde später hörten wir sie kommen und schon streckte Mama ihren Kopf um die Ecke, um nach einem freien Tisch zu schauen. Wir sahen von ihr nur Augen und Nase, denn so blieb sie stehen. Bis Papa hinter ihr ungeduldig wurde, und zu schieben anfing. Dann stand Mama mit offenen Augen und einem noch weiter offenen Mund vor uns und hinter ihr schaute Papa ähnlich dumm über ihre Schulter. Es war wirklich film reif! Nach ca. 1 Minute stammelte sie das erste Wort. Aber nicht, dass sie erstmal „Guten Morgen“ oder so was sagte, es kam einfach nur: „NEIN!“
Ja, ich konnte mir das Lachen einfach nichtmehr verkneifen, denn man konnte es in ihrem Kopf schon fast rattern hören. „Was machst du hier? Du kommst doch erst nächste Woche? Was ist passier?“ Und Papa stand nur ganz fassungslos vor mir und meinte: „Ich hab heute Nacht geträumt, dass du plötzlich da bist und ich sag nur zu dir, du kannst aber doch noch nicht da sein. Und jetzt bist du plötzlich da, aber du kannst doch noch gar nicht da sein…!“ Na, wenn das mal nicht eine Vater-Tochter Verbindung ist
.
Zum Frühstück gabs dann erstmal ein Glas Sekt und so nach und nach klärten wir die beiden über die vielen Lügen auf, die Verena und ich ihnen in den letzten paar Wochen aufgetischt hatte. Da wäre zum Beispiel ein scheinkaputtes Fahrrad, ein ausgedachtes neuselhaldener Sommerfest und die Geschichte, warum Verena die beiden einfach nicht in den Schwarzwald hat fahren lassen. Ja, es war wirklich eine gelungene Überraschung, wie sie besser hätte nicht sein können.
Den restlichen Tag verbrachten wir noch gemütlich in Salzburg, bevor Verena und ich uns um 15 Uhr auf den Rückweg nach Heidenheim machten, und Mama und Papa erstmal mit ihren Eindrücken alleine ließen.
Wir zwei hatten nämlich Karten für die Premiere von „Oliver!“ im Naturtheater Heidenheim um 20.30 Uhr. Dort sollte Teil 2 der Überraschung stattfinden.
Und wie schon am Morgen war ich wirklich aufgeregt. Was, wenn mich jemand vorher sieht und losschreit? Was, wenn sie sich gar nicht freuen mich zu sehen? Im Gangsterlook mit klopfendem Herzen liefen wir aufs Theater zu. Ich hatte mir einen Schal bis zur Nase gezogen und die Kapuze bis kurz vor die Augen. Auch nicht gerade unauffällig, aber so würde mich wenigstens niemand erkennen. Hoffentlich nicht!
Hürde 1: Die Kasse! Glücklicherweise saß Uwe da. Er war einer der drei Eingeweihten und hatte mir die Karten reserviert. „Hallo Annika!!! Was ist los, bist du erkältet?“ „Pssssst!!! Nein, ich versuche nur unauffällig hier reinzukommen!“ „Achso… Also, hier sind ihre Karten, Frau Maier!“
Hürde 2: Die Kartenkontrolle! Verena, nimm du die Karten, ich wühl mal ein bisschen in meiner Tasche rum…
Hürde 3: Bis zum Platz! Die erste Tür gleich rechts rein, vorbei an Leuten die mich eigentlich kenne, vorbei an der Technik und auf den Platz. So, jetzt nur noch warten, bis es anfängt. Verena ist solang noch ein bisschen spazieren gegangen, damit man uns nicht zusammen sieht
Geschafft. Das Stück fängt an!
Hürde 4: Die Pause! Bleiben wir sitzen, fallen wir auf. Gehen wir raus, sieht uns eventuell jemand. Also, was tun? Doch besser raus, und an den hintersten Tisch. Zum Glück ist es mittlerweile dunkel geworden. Nach der Pause einfach mit der Menschenmenge wieder rein. Puh… niemand hat mich gesehen!
Das Stück war wirklich schön, nur leider konnte ich mich nicht so wirklich darauf konzentrieren, da ich sooo aufgeregt war
. Und dann kam endlich die Verbeugung und mein Auftritt. Ich ging vor auf die Bühne und gab meinen zwei Freundinnen Stine und Betty, die Regieassistenz gemacht hatten, ein kleines Blümchen. Die Beiden waren wirklich erstmal total durcheinander, haben sich aber glaub ich riesig gefreut. Stine musste sich dann erstmal die Tränen wegwischen und ich hab mich wieder hingesetzt. Mission geglückt würd ich sagen. Was für eine Ankunft!
Im Laufe der Woche konnte ich noch ein paar mehr Leute überraschen und war auch gleich schon wieder mittendrin im Leben. Seit 1. Juli mache ich nun Praktikum und habe so jeden Tag mehr als genug unter einen Hut zu bringen. Deshalb hat auch dieser Bericht leider so lange gedauert. Ob es nun gut oder schlecht ist, dass ich eigentlich jeden Tag voll ausgelastet bin, weiß ich noch nicht. Einerseits kann ich gar kein Heimweh nach Ecuador bekommen, andererseits wäre ein bisschen mehr Zeit aber auch nicht schlecht, um mich mal wieder in wenig zu ordnen und ein paar Sachen zu organisieren.
Die Umstellung hab ich glaub ich recht gut überstanden. Immerhin hab ich mein ganzes Leben schon in Deutschland gelebt. Auch wenn mir manche Dinge nun besonders auffallen. Zum Beispiel ist es hier eeeewig lang hell! Ab und zu scheint die Sonne sogar bis 22 Uhr. Daran hab ich mich glaub ich bis heute noch nicht gewöhnt. Eine andere Sache, die mich immer wieder zum schmunzeln bringt ist, dass ich dauernd das Klopapier in den Mülleimer werfen will und mich immer erst besinne wenn ich sehe, dass da nur ein Minimülleimer steht
. Am Anfang hab ich mir auch immer noch eingebildet, vor mir am Horizont den Imbabura, den Cotacachi oder sonst einen Vulkan zu sehen. Aber leider ist die Landschaft in Deutschland laaaang nicht so spannend und wunderschön wie die in Ecuador! Achja, und noch was! Es kommt IMMER Wasser aus dem Wasserhahn. Zu jeder Tages- und Nachtzeit. Und das, was rauskommt, ist auch noch WARM! Kaum zu glauben. So was hatte ich nur in Luxushotels in Quito. Und ist euch schonmal aufgefallen, dass man das Duschwasser trinken kann? Und dass das vor allem nicht selbstverständlich ist? Und dass manche Leute noch nie mit einem Laptop in einem gemütlichen Bett liegend im Internet gesurft haben? Außerdem steht das eigene Auto vor der Tür, und man muss sich nie Gedanken machen, wie man von A nach B kommt. Jaja, da sag nochmal einer, den Deutschen gehe es so schlecht. Vielleicht sollten wir einfach mal unsere Einstellung ändern? Das ist auch eine Sache, die mich noch wahnsinnig macht. Deutsche sehen einfach alles viiel zu kompliziert. Wo alles doch so einfach wär ![]()
Irgendwann will ich unbedingt noch einen Ecuadorianischen Abend machen. Mit Bildern, Musik, Essen und und und! Fehlt nur die Zeit, das alles vorzubereiten. Aber sobald ich ein Datum habe und die Bilder einigermaßen aussortiert hab, werde ich großzügig Einladungen verschicken. Wer Interesse hat, kann mir ja einfach mal eine Mail schicken. Dann meld ich mich, wenn ich genaueres über die „noche ecuatoriana“ weiß! (annika-cathrin@hotmail.com)
Danke an der Stelle nochmal an alle, die meine Zeit in Ecuador verfolgt und immer fleißig meine Berichte gelesen haben. Von ein paar hab ich schon gehört, dass sie es kaum bis zum nächsten Bericht erwarten konnten , und das macht mich wirklich glücklich. Wenn ich auch die Leute in Deutschland an den wunderbaren Erfahrungen teilhaben lassen konnte! Und falls mal wer den ein oder anderen Reisetipp oder so was zu Ecuador braucht, ich hab immer ein offenes Ohr
!
Ach ja, einen Studienplatz hab ich mittlerweile auch schon. An der FH Münster, und zwar für den „Deutsch-Lateinamerikanischen Studiengang für Betriebswirtschaftslehre“ oder auf gut spanisch „Carrera Alemán-Latinoamericana de Administración“. Für den normalen Menschen könnte man auch internationale BWL auf Lateinamerika bezogen sagen. Und wisst ihr, was das allerbeste an dem Studiengang ist? Man studiert 2 Jahre in Münster, und 1,5 Jahre in einem von fünf Ländern in Lateinamerika!!! Ist das nicht supercool? Ihr sehr, physisch bin ich zwar hier, aber mein Herz hängt noch país más lindo del mundo
!

so viel, so weit, so lang, so schön und so viel mehr …. danke und congratulation – bin mitgereist – via mail – maikes mom
Maikes Mom schrieb dies am 21 Juli, 2009 um 11:29 |